Eike Elser

Der Weg in den Ausstieg

Posted in Bemerkenswert, Selbstversorger by ER on 5. Januar 2010

Eike, der moderate Aussteiger

Anfang 2007 hat Eike (wohnhaft tief im hohen Norden Deutschlands) seinen 40-Stundenjob an den Nagel gehängt, um fortan sich so weit es geht selbst zu versorgen.

Du hast 2007 etwas in Angriff genommen, von dem viele von uns träumen. Du hast deinen zivilen Beruf in der Softwarebranche aufgegeben und hast dafür ein Leben als Selbstversorger gewählt. Wie geht es dir heute nach einem guten Jahr als Aussteiger? Wie sieht dein neues Idyll denn konkret aus?
Ich bin mir immer noch nicht so sicher, wie das ganze mit dem „an den Nagel hängen“ gelaufen ist. Ich habe irgendwann angefangen die ganze Geschichte der nicht-selbstständigen Arbeit sehr kritisch zu betrachten. Was folgte war nur konsequent: ich habe die Nagelprobe gemacht und festgestellt, dass auf meinen damaligen Arbeitgeber kein Verlass ist.

Irgendwann kam der Zeitpunkt an dem mir klar wurde, dass ich mich selbst ermächtigen muss, um nicht irgendwann einmal das nachsehen zu haben. Meine Neugier hat dann das übrige ergeben. Ich betrachte mich ehrlich gesagt nicht als Aussteiger. Noch immer lebe ich in einem Dorf eingebunden in die sozialen Strukturen dort, fahre Auto und kaufe auch im Supermarkt ein.

Nur habe ich geistig der Gesellschaft wie sie sich derzeit darstellt den Rücken gekehrt und bin dabei meine eigene Vorstellungen stückweise umzusetzen. Es mag daran liegen, das die Ausgangsposition mit 3 Kindern Verbindlichkeiten wegen unseres Hauses zu dieser „moderaten“ Form des Aussteigens geführt hat. Ich denke auch es ist ein evolutionärer Weg – also nicht mit Pauken und Trompeten loslegen, sondern sinnvoll und schrittweise umzudenken und dann folgerichtig zu handeln. Uns allen geht es sehr gut, wenngleich ich noch viel zu ungeduldig bin und manches gern schon erledigt und umgesetzt hätte.

Unser Idyll ist ein alter Nebenerwerbs-Resthof mitten in einem Ort von gut 3000 Einwohnern – zentral gelegen. Die zentrale Lage ist für die Versorgung Kindergarten, Schule usw. ganz toll, für die Entfaltung als Selbstversorger nicht so geeignet. Immerhin haben wir angefangen Kaninchen, Hühner und Bienen zu halten. Mehr wird wohl am Ort nicht möglich sein. Der Garten ( ca 1000 nutzbare qm) wird schrittweise in einen Selbstversorgergarten in Anlehnung an die Permakultur umgestaltet. Ansonsten beabsichtige eine Regenwassernutzung in der alten Jauchegrube unter dem Stallbereich zu installieren und einen Teil der Dachfläche für Solarkollektoren im Selbstbau zu nutzen.

Wie lange hat dich die Idee vom Ausstieg schon bewegt? Oder war es eher eine spontane Geschichte?
Wenn ich recht überlege, bewegt mich dieses Thema schon mein Leben lang. Als Kind malte ich Wohnhöhlensystem, als junger Erwachsenes las ich mit Begeisterung „Altbewährtes neu entdeckt“ und hatte wohl immer der Traum einmal vieles selbst machen zu können und auch zu machen. Ich denke, das war immer eine unbewusste Geschichte und rückblickend hat mich mein Unterbewusstsein massiv in die nun eingeschlagene Richtung gedrängt.

Was war dein finaler Beweggrund den Sprung ins kalte Wasser zu wagen?
Wie schon oben gesagt, habe ich gemerkt, dass das System abhängiger Beschäftigung und Lebensunterhalt nur über den Umweg Geld für mich nicht sinnvoll ist. Als ich mir dann Gedanken darüber machte wie es in vielleicht 10 oder 20 Jahren aussieht, habe ich mich entschlossen, Fertigkeiten zu erarbeiten, um auch in Zukunft handlungsfähig zu bleiben. Startschuss waren dann Tendenzen meines Arbeitgeber mich „outzusourcen“.

Was war für dich bei der Umsetzung überraschend schwierig und was ist dir wieder Erwarten leicht von der Hand gegangen?
Es gibt eine Reihe von Schwierigkeiten, die damit zu tun haben dass ich im Prinzip alles erforderlich neu lernen muss und oft nur mit „Versuch und Irrtum“ weiterkomme. Des weiteren merke ich, dass unsere Gesellschaft nicht auf
Selbermacher/Selbstversorger eingerichtet ist – eine Entwicklung, die noch nicht einmal zwei Generationen alt ist, denn unsere Großeltern waren da noch viel selbstständiger.

Weiterhin ist das leidige Geld ein Dauerthema, alles muss irgendwie bezahlt werden und so müssen wie zweigleisig fahren um das notwendige Einkommen zu haben. Meine größte Schwierigkeit ist tatsächlich die Ungeduld, besser – das Umgehen mit dieser Ungeduld.

Ist es so geworden, wie du erwartet hast oder besser oder schlechter?
Ich glaube, ich habe nichts erwartet, sondern einfach das getan, was ich schon immer wollte – manches stelle ich fest, fügt sich einfach wunderbar zueinander, so dass ich an unerwarteten Stellen immer wieder Anschub erfahre.

Wie hat deine Umwelt auf diesen Schritt reagiert?
Da meine Frau auf eigenen Wunsch hin arbeiten geht und ich zuhause bin, reagiert die konservative Umwelt mit Verwirrung. Unser Aktivitäten werden recht kritisch beäugt, denn hier ist immer eine Baustelle und kein herausge-
putzter Vorgarten. Ansonsten nehmen aber viele das sehr interessiert zur Kenntnis, die Alten um uns herum erinnern sich an früher.

Kannst du Aussteigen nach wie vor als „Traum“ bezeichnen?
Ich weiß nicht, ob es ein Traum war oder ist. Ich empfinde es als meinen Weg und das Gefühl diesem Weg nun zu folgen, begeistert mich schon – leider hänge ich natürlich immer noch alten Bewertungsmustern nach, so dass ich manchmal vergesse, warum ich es mache. Sobald ich das aber wieder vor Augen habe, bin ich tief glücklich.

Wie sieht dein weiterer Schlachtplan für 2008 aus?
Ich möchte meine angefangenen Vorhaben weiterführen, mit Schwerpunkt auf der Gartenumgestaltung und dem Ausbau meiner Imkerei. Weiterhin mache ich mich selbstständig, um eine Teil meiner Erfahrungen in Seminaren weiter zu geben.

Gibt es Quellen oder Vorbildern aus denen du geschöpft hast? Was war für die wichtigste Erkenntnis/Aussage?
Natürlich. Wie schon gesagt hat mich das Buch „Altbewährtes neu entdeckt“ fasziniert. Dan kam irgendwann John Seymours „Leben auf dem Lande“ (auch hier besprochen, Anm. d. R.). Danach habe ich begonnen Informationen zum Thema zu sammeln und bin so auf Gerhard Schönauer (sein Buch „Aussteigen – aber wie?“ ist hier besprochen, Anm.d.R.) und die Bücher von Helen und Scott Nearing gestoßen. Alle diese Bücher haben viel zu meinen Gedanken beigetragen. Im Internet war es die Seite http://www.praxilogie.de, die einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, indem sie mir für mich Frage aufwarf: „Was machen wir hier eigentlich?“

Die wichtigste Erkenntnis und gleichzeitig mein größtes mentales Problem war und ist, dass in diesen Aussteiger-Geschichten Familien mit Kindern nicht vorkommen oder es zu einer Trennung wie bei John Seymour führt. Das wirft für mich die Frage auf, ob das Ganze auch für Familien praktikabel ist. Ich sehe jetzt, das es geht, aber dann nicht so „schulmässig“ und langsamer abläuft. Der Schritt zum Selbstversorger, da ausstiegen ist für mich heute eine evolutionäre Angelegenheit.

So wie wir über Jahre verlernt haben ein richtiges Leben zu führen, brauchen wir eine gemessene Zeit, um das wieder zu lernen. Aussteigen ist eine Kultur des Hinterfragens, des In-Frage-Stellens all der Dinge, die wir für wichtig erachten. Wenn jeder nur ein Stück dieser scheinbaren Notwendigkeiten aufgäbe, wäre viel geschafft. Vielleicht ist das eine andere, ein „neue“ Art zur Selbstversorgung zu kommen.

Das Interview ist erstmals im DER KNAUSERER, die 1. Online-Zeitung fuer Sparsame, Ausgabe 01/2008 erschienen. Im Blog Nachhaltig beobachtet von Reto Stauss beobachtet ist er erneut veröffentlicht worden.

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Lebenshelfer

Posted in Bemerkenswert, Ungefiltert by ER on 12. Februar 2009

Das Tony Robbins – Syndrom

Wenn Sie sich also schon einmal Gedanken darüber gemacht haben, was Sie im Leben erreichen wollen und vor allem warum es noch nicht geklappt hat, dann sind Sie einem Herrn Robbins oder einem seinen Kollegen bestimmt schon begegnet.

Wer um alles in der Welt ist denn dieser Herr Robbins werden vielleicht einige fragen. Gut, er ist ein bekannter, hochdotierter Persönlichkeitstrainer – das muss jetzt aber wirklich reichen. Er schafft es dem eigenen Bekunden nach (ich hab nie eines seiner Trainings besucht, sondern nur seine Bücher gelesen), dass Menschen Ihre eingefahrenen Verhaltensweisen loswerden und ein angenehmeres Leben führen.

Klingt gut – oder?

Ist es aber nicht – was Herr Robbins macht ist schlicht und ergreifend Manipulation. Er verspricht Hilfe nach einem bestimmten Muster. Zunächst erfahren Sie allerdings warum Herr Robbins so toll ist und was er alles geschafft hat. Das weckt Begehrlichkeiten. Wohlgemerkt, Sie wollten vermutlich praktische Lebenshilfe – der Trainer beschäftigt sich aber damit sich selbst zu beweihräuchern.

Das kennen Sie aber schon (lang und reichlich -oder?): DU unten, ICH oben.

Er ist der Macher der sich mit Ihnen abgibt, Sie sind der Loser. Vereinzelt eingestreute Anekdoten helfen das Bild des bewundernswerten Herrn R. hochzuhalten.

„Ich werde nie den Tag vergessen, als mir, wie aus heiterem Himmel die Erkenntnis dämmerte, dass ich meinen Traum wirklich lebte. Ich flog gerade mit meinem Jet-Hubschrauber von einer Geschäftsbesprechung in Los Angeles nach Orange County zu einem meiner Seminare“

Ergebnis: Wir wissen jetzt er hat einen Hubschrauber (Toll) er hält Seminare, hat also Leute die Ihm huldigen (noch toller) er hat zunächst gar nicht daran geglaubt (wie bewegend) er ist also schlicht und ergreifend TOLL

„Als ich die Stadt Glendale passierte, fiel mir plötzlich ein großes Gebäude auf; ich drosselte die Geschwindigkeit des Helikopters und schwebte über der Stelle. Als ich hinunterblickte erkannte ich das Gebäude: Hier hatte ich vor knapp 12 Jahren noch als Pförtner gearbeitet.“

Zurück bleibt: Sie müssen es ihm gleichtun, um auch vom Pförtner zum Millionär (angenommen) zu gelangen, um glücklich und zufrieden zu sein. Noch mal zum mitdenken: Er legt eine Messlatte an, die höchstens ein verschwindend geringer Teil der Menschen auch nur annähernd erreichen kann.

Die Unzufriedenheit (Ihre natürlich) ist vorprogrammiert.

„Nein!“ sagen Sie, „das soll es nicht bedeuten, es geht darum seine Möglichkeiten zu erkennen. Diese Trainer wollen mir dabei helfen“.

„Falsch“ sage ich, Sie haben es wirklich nicht verstanden.

Richtig ist, dass man selbst das Schicksal in der Hand hält.
Richtig ist weiterhin, das es den Trainern idR nicht darauf ankommt, dass Sie ihr Ziel erreichen. Trainer werden für die Performance bezahlt, dafür, dass Sie Hoffnungen und Illusionen an die Menschen verkaufen, die glauben sie zu brauchen. Das geht nur so lange Sie nicht zufrieden ihren Traum leben. Also schmeißen Sie alle Lebenshilfewerke weg und fangen Sie endlich an mit eigenen Vorstellungen und Zielen zu arbeiten.

Dieses „Gut geht’s dem der von anderen bewundert wird und dazu brauchst du …“ ist nur die Neuauflage des Konkurrenzkampfes und Machtstrebens im täglichen Leben und dient lediglich dazu Sie als

• produktive Arbeitskraft (schaffe schaffe)

• Konsumenten (Kauf Dir Dein Selbstwertgefühl, „Nur hier, nur heute und supergünstig“)

• Abhängigen (von der Beurteilung anderer und vom Drogengleichen Wohlfühlrausch) zu gewinnen.

Dabei wird ihnen ein paradiesisches Leben in Aussicht gestellt. Also jetzt arbeiten und dann später Paradies – kapiert?! Ob Reli- oder EGOgion – die Machart und das Ziel der Macher sind immer gleich. Wenn Sie allerdings die Lebenshilfewerke nutzen, um sich ein Bild davon zu machen wie das Spielchen geht – dann lesen Sie ruhig weiter (sie haben ja auch nichts besseres zu tun).

Ach ja, ich habe angefangen nicht mehr zu lesen, sondern zu handeln ….. und wahrscheinlich lebe ich schon MEINEN Traum.

Eike Elser

Die Sache mit dem Konsum

Posted in Bemerkenswert, Ungefiltert by ER on 23. Januar 2009

Ich kenne die Auswirkungen des ungezügelten Konsums, sehe die Unsinnigkeit dieses Treibens, erkenne die Nutzlosigkeit des Überangebots und bin mir der Minderwertigkeit vieler Produkte bewusst. Doch wenn ich ehrlich bin, kann ich mich von den Konsumterror nicht freisprechen.

Nachdem ich lange vergeblich versucht habe, mein Verhalten zu ändern, frei nach dem Motto „jetzt setz endlich um, was du besser weißt“, hinterfrage ich jetzt erst mal den Wirkmechanismus.

Von klein auf an imitieren wir, machen das was uns vorgelebt wird, nehmen begierig auf, was die Umwelt uns präsentiert. Doch alles was wir sehen ist Besitz, etwas haben, etwas können, Massen von Geräten und Gegenständen. Die Umwelt schreit das Kind buchstäblich an. Dazu kommen die jahrelang trainierten Verhaltensmuster:

„Lerne, damit etwas aus Dir wird.“

Der Mensch im Kind ist aber schon, ganz ohne lernen…?

„Du kannst das doch (noch) nicht.“

Andere können/wissen es besser als Du.

„Das macht man nicht.“

Deine Wünsche/Vorstellungen zählen nicht, was zählt ist das Maß der anderen.

Um es klar zu stellen – mir geht es nicht darum, danach zu fragen, warum wir unsere Kinder derart verunsichern. Ich beschreibe lediglich einen Zustand.

Aus dem systematisch demontierten

Selbstwertgefühl (ich habe kein Gefühl für meinen Wert),

Selbstvertrauen (ich vertraue mir weniger als anderen)

und der Selbstachtung (ich bin ja weniger als andere)

erwächst ein überproportional gesteigertes Bedürfnis nach Bestätigung. Andere sind nötig aber auch verantwortlich dafür, dass es mit gut geht/wie ich mich fühle. Um aber diese Bestätigung, die nötige Anerkennung zu erhalten, muss ich etwas herzeigen können (einfach ich sein reicht ja nicht s.o.). Um allerdings etwas herzeigen zu können, muss eine tolle Leistung (in den Augen anderer) vollbringen, was mir mangels Selbstvertrauen u.ä. schwer fällt und auch mühsam ist. Einfacher ist da der Umweg über materialistische Qualitäten (z.B. Besitz). Angefangen vom aufgeräumten Vorgarten, über das Auto bis hin zum neuen Fernseher oder den tollen Urlaub und so weiter. Der „Konsum“ dient also als Krücke, als Krücke bestehende Defizite auszugleichen.

Wenn ich also wieder mal etwas haben will, etwas besitzen möchte, gräme ich nicht mehr mit meiner Unzulänglichkeit, sondern freue mich über die obige Erkenntnis und sage zu mir „das braucht Du nicht“. Das zu entwickeln allerdings dauert, denn die lang gelernten Mechanismen und eingeredeten Gefühle sind noch immer präsent. Da ich erkannt habe, was Besitz und, Konsum für mich bedeuten, kann ich jetzt daran gehen, meine Bedürfnisse auf anderem Wege zu befriedigen. Doch auch das ist schwierig, denn zuerst muss ich mir meiner Bedürfnisse bewusst werden (will ich das neue Auto, oder doch eher den Neid meiner Nachbar oder vielleicht einfach das eigene Gefühl etwas wert zu sein) und dann erkennen, dass ich sie NUR SELBST befriedigen kann. Angefangen mit dieser persönlichen Unabhängigkeitserklärung geht es dann los.

Willkommen zum Abenteuer des selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Lebens. Wer nun glaubt, all dies sei leicht und schnell zu erledigen, sei angenehm, der möge doch bitte weiter den billigen Weg über teuere Krücken nehmen. Ach ja, und das auch noch: ein zu zahlender Preis ist das Unverständnis, ja sogar die Ablehnung meiner Mitmenschen, die ja auf einmal die Macht über mich verloren haben.

Eike Elser